André Kertész
Er war so etwas wie der Urvater der Reportagefotografie: André Kertész. Der gebürtige Ungar, dessen berufliches Schaffen hauptsächlich die Stationen seines Lebens in Budapest, Paris und New York widerspiegeln, fängt 1912 im Alter von 18 Jahren an zu fotografieren. Auszüge aus seinem sehr großen Archiv zeigt der Martin-Gropius-Bau in Berlin noch bis zum 11. September 2011 in einer Werkschau.
Gut beraten ist übrigens der Besucher jenseits der 40, wenn er auf jegliche Eitelkeit verzichtet und seine Lesebrille in die Ausstellung mitnimmt. Die Fotografien sind teilweise mit 3x4 cm doch sehr klein geraten, als das man wirklich etwas auf ihnen erkennen könnte, zwingt einen bereits das Alter sehend Abstand zu halten vom Exponat.
pix © André Kertész, Satirische Tänzerin, 1926, Bibliothèque nationale de France
Kertész war der Wegbereiter sehr vieler fotografischer Stilformen, die uns heute als selbstverständlich scheinen. Er hinterließ ein Archiv mit nicht weniger als 100.000 Negativen, als er 1985 im hohen Alter von 91 Jahren in New York starb.
pix © André Kertész, Distortion n° 41, 1933 (mit Selbstportrait von André Kertész), Sammlung Maison Européenne de la Photographie, Paris
Man ahnt, dass er und Dali sich inspiriert haben müssen in ihrer Kunst, sieht man seine Arbeiten unter dem Titel „Distorsion”. Fotografien, die Akte mit optischen Verzerrungen zeigen, die für die frühe Zeit ihrer Entstehung sicherlich Bewunderer und dennoch kaum Befürworter fanden. Er arbeitete mit Lichtreflektionen, stellte Bereiche aus seinen Fotos frei, vergrößert diese, sieht früh geometrische Strukturen innerhalb von Räumlichkeiten und bildet sie ab. Er war ein Meister der Schattenfotografie. Die Größe seines Werkes fällt vor allem dann auf, sieht man zu seinen Fotos die sehr frühen Jahreszahlen ihrer Entstehung und erfährt damit vor allem die Bedeutung seines Forschungsdranges in der Fotografie, hat er schon Fotobearbeitung und somit Stilrichtungen präsentiert als viele Fotografen über das Anfertigen von Ausschnitten ihrer Fotografien längst noch nicht nachdachten. Er wollte nie bloß abbilden, Skizzenvorlagen für malende Kollegen schaffen, was in seiner frühen Zeit des Schaffens noch der Stellenwert von Fotografie war. Für ihn war die Fotografie das Führen seines Tagebuches, er gebraucht sie zur Dokumentation seiner eigenen Emotionen in einem Augenblick. Selbst seine statischen Aufnahmen wirken so erstaunlich lebendig.
pix © André Kertész, Schwimmer unter Wasser, Esztergom 1917, Bibliothèque nationale de France
André Kertész hat erstaunlich viel veröffentlicht, auch wenn er wie viele seiner Kollegen erst posthum in seiner verdienten Größe bekannt geworden ist. Eigene Bücher und seine in unzähligen Zeitschriften unterschiedlicher Genres gezeigten Fotos präsentieren sein Schaffen. Diese Publikationen werden ebenso in der Ausstellung gezeigt und dokumentieren ein ganzes Jahrhundert kulturelles Zeitgeschehen. Zum Ende seines Lebens widmet Kertész sich wieder einer sehr neuen fotografischen Technik: den Polaroids. Auch aus dieser Schaffensphase werden in der Ausstellung Beispiele gezeigt und selten wurden zuvor ausdrucksvollere kunstvollere Polaroids gezeigt, wie die seinen!
